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Nordseeküstenradweg in Norwegen

Dieses Jahr im Sommer sind wir sogar zweimal in Dänemark gewesen. Einmal auf dem Hinweg nach und ein weiteres mal auf dem Rückweg von Norwegen. Dort nehmen wir den Nordseeküstenradweg (North Sea Cycle Route) unter die Räder. Um es kurz vorwegzunehmen: Norwegen ist bergig.

Karte

Eckdaten

Tage: 40
Kilometer: 1.145
Höhenmeter: 14.100

Vorbereitung

Im Zuge der Vorbereitung der Tour haben wir uns natürlich kundig gemacht. Zum Beispiel kaufen wir aus dem Conrad Stein Verlag das Outdoor Handbuch Nordseeküstenradweg Norwegen und Schweden. Dort heißt es wörtlich:

Relativ flache Stücke erwarten Sie bis Larvik (von Oslo aus) sowie bei Egersund, wo Sie auf einer alten Bahntrasse radeln. Ansonsten geht es dank der letzten Eiszeiten rauf und runter über Moränen und Fjorde. (Seite 105)

Erst nach aufmerksamer Lektüre findet sich in einem kleinen Textkasten folgender Satz:

Der als Radweg ausgewiesene acht Kilometer lange Abschnitt wurde 1993 wiederhergestellt. Dieser Schotterweg mit mehreren An- und Abstiegen sowie Pferdespuren darf sich als einer der beschwerlichsten Abschnitte des gesamten Nordseeküstenradwegs rühmen. (Seite 138)

Was sagt uns das? Nordseeküstenradweg in Norwegen ist zwar bergig, läßt sich ganz gut fahren, bis auf die besagten acht Kilometer zwischen Grimstad und Lillesand. Also haben wir in der Geobuchhandlung entsprechendes Kartenmaterial bestellt und die Tour geplant. Die Plastikkarten aus dem Castor-Verlag und die dazugehörigen Höhenprofile ergaben im Prinzip keine weiteren Informationen, so daß wir die Route in Angriff genommen haben.

So war's tatsächlich

Wir haben so ein Glück mit dem Wetter. Aber wirklich. Fast nur Sonnenschein, klare Sicht und wenig Wind. In den vier Wochen in Norwegen regnet es zweimal, und die letzten beiden Tage.

Norwegen ist bergig. Mit dem ganzen Gepäck und den Kindern ist es eine unglaubliche Plackerei. Besagtes Buch kann man getrost als Witz verbuchen. Wir bezweifeln, ob die beiden Autoren Idhuna und Wolfgang Barelds wirklich dort gewesen sind.
Aber die Landschaft ist wirklich jeden Höhenmeter wert, und sei er noch so steil. Mittlerweile setzt schon wieder das Fernweh ein.

Anreise durch Dänemark

Die fünf Tage Anreise durch Dänemark bei heißem Sommerwetter erscheinen rückblickend natürlich als absolute Flachetappen. Unsere Aussage, daß Dänemark nur von der Autobahn aus gesehen flach und langweilig ist, können wir nach dem Urlaub so eigentlich nicht mehr stehenlassen. Zwar geht es in Dänemark auch rauf und runter, die Berge sind aber nicht so steil (ausgenommen die Ostküste von Jylland und Møn).

Fahrt über die Hardangervidda

Die nächtliche Fährüberfahrt von Kopenhagen nach Oslo ist perfekt. Man hat eine eigene kleine Kabine mit Dusche und kommt am nächsten Morgen nach dem Frühstück ausgeschlafen an. Bei uns schließt sich am Folgetag die Bahnfahrt über die Hardangervidda nach Bergen an. Spektakulär.
Während in Oslo sonnige 26°C sind, haben wir in Finse auf 1300 Metern Höhe leichten Schneeregen. In Bergen scheint wieder die Sonne bei deutlich über 20°C.

Etappe Bergen - Haugesund

Die erste Etappe in Norwegen von Bergen nach Haugesund ist bergig. Es gibt viele Steigungen. Unsere Tagesplanung wird hier zur Farce, die angepeilten Kilometer schaffen wir sowieso nicht. Die große Hitze macht uns in Verbindung mit den vielen Bergen arg zu schaffen.

Hängebrücke

Die zweite Etappe in Norwegen von Haugesund nach Egersund ist Norwegens Sandkiste. Ein Sandstrand liegt noch schöner neben dem nächsten, bei allerbestem Sonnenschein liegen wir also überwiegend am Strand rum. Die Nordsee ist allerdings ganz schön kalt.
Die Steigungen sind erträglich, bis auf diese 20 bitteren Kilometer westlich von Egersund, die zur Hälfte auf dem oben erwähnten Bahndamm verlaufen, und zur anderen Hälfte auf dem alten Hauptweg von 1845 (Vestlanske Hovedveg). Diese 20 Kilometer bringen die Erkenntnis, daß Oslo für uns mit dem Fahrrad nicht erreichbar, jedenfalls nicht in der angepeilten Zeit. Die Fährüberfahrt zurück nach Kopenhagen ist ja schon gebucht. Die Bergetappen um die Lista-Halbinsel werden wir also mit dem Zug umfahren.

Lillesand

Von Kristiansand bis Kragerø ist die Strecke geprägt von schmucken kleinen weißen Fischerdörfern, die sich hinter der Schärenküste verstecken. Die zu bewältigenden Steigungen sind beachtlich, hier befindet sich auch der oben erwähnte „beschwerlichste Abschnitt“. Um Kragerø nehmen die Höhenmeter wieder deutlich zu und die Tageskilometer entsprechend ab.

Körperpflege im Teich

Unsere vierte und letzte Etappe in Norwegen führt uns von Kragerø nach Oslo. Besiedelung und Verkehr nehmen deutlich zu. Landschaftlich ist das Stück nicht so reizvoll wie die anderen. Aber: wir finden ein Fahrrad für Jannis und er lernt auch gleich das Radfahren!
In Oslo gönnen wir uns einen Tag Pause und schauen uns einige der vielen Museen an: Kon-Tiki, Fram, Holmenkollen. Danach sind wir kaputter als nach unseren schwersten Fahrrad-(Schiebe-)Tagen.
Die letzten drei Tage wird doch tatsächlich das Wetter schlechter, leichter Nieselregen und wolkenverhangene Bergkuppen machen uns den Abschied von Norwegen etwas leichter.

Christianiabikes

Nach der Fahrt mit der Fähre zurück nach Kopenhagen treffen wir uns mit Heikos Schwester, ihrem Freund Udo und den beiden Kleinen Anna und Felix, die beide im gleichen Alter wie Jannis und Naja sind. Es folgen sechs wunderschöne Tage durch den hügeligen Norden von Sjælland bei wechselhaftem Wetter und zum Teil stürmischem Gegenwind. Außerdem dabei: der Besuch des Mittelalterzentrums in Nykøbing.

Übernachtung im Zelt mit dem Jedermannsrecht

Anscheinend zu oft wurde das vielzitierte aber nirgends so richtig aufgeschriebene Jedermannsrecht von ausländischen Touristen, besonders den motorisierten, mißbraucht. Und so scheint es mittlerweile eingeschränkt worden zu sein auf die wirklichen Wanderer, die sich also aus eigenem Antrieb fortbewegen. Trotzdem sind sie die Leidtragenden der ausufernden Wohnmobilflut. Wir hatten nicht nur einmal arge Probleme, überhaupt eine Zeltstelle zu finden, da die Norweger alles eingezäunt haben. Damit meinen wir, daß man kilometerlang nur zwischen zwei Zäunen langfährt.

Radreisende ohne Kinder kennen dieses Problem ja gar nicht. Dann fährt man am späten Nachmittag halt noch 15, 20 Kilometer weiter. Mit Kindern ist das nicht ganz so einfach. Letzten Endes haben wir immer irgendwo etwas gefunden.

Radfahren in Norwegen

Norweger fahren nicht Fahrrad sondern Auto, je größer desto besser. Radfahrer sind entsprechend selten auf Norwegens Straßen anzutreffen. Dabei handelt es sich nicht um Alltagsradler – außerhalb geschlossener Ortschaften haben wir in den vier Wochen ganze zwei Alltagsradler gesehen. Vielmehr trifft man hin und wieder mehr oder weniger sportlich angehauchte „Kilometerfresser“.
Die geringe Zahl an Radfahrern führt natürlich dazu, daß diese von den Autofahrern als Störfaktor wahrgenommen werden. Dementsprechend verhalten sich die Autofahrer auch.
Hinzu kommt, daß, und das ist wirklich nicht gelogen, nahezu jeder am Steuer telefoniert. Die brettern also mit 80 Sachen mit dem Telefon am Ohr auf drei Meter breiten Straßen um die engen Kurven. Das ist nicht nur für radfahrende Kinder lebensgefährlich.

Die Norweger wollen das „Problem“ verkehrsplanerisch und bautechnisch lösen, indem sie (für den Autoverkehr) kreuzungsfreie Radwege bauen und den Radverkehr damit von den etwas mehr befahrenen Straßen runternehmen. Zumindest dort, wo Platz ist. Das scheint uns der falsche Ansatz zu sein, weil auf diese Weise an den Straßen, wo Radwege aus Platzgründen nicht möglich sind, die Gefahren noch größer werden. Außerdem müssen natürlich wie überall sonst auf Welt auch die Radfahrer die Autowege unter- oder überqueren, was mit zusätzlichen Anstrengungen für uns Radfahrer verbunden ist.

Unser Reiseführer aus dem Conrad Stein Verlag

Leider haben die Autoren Idhuna und Wolfgang Barelds des Conrad Stein Verlags vergessen zu erwähnen, daß die Steigungen des besagten beschwerlichsten Abschnitts so um die 20 % betragen. Wir finden, daß das für Radreisende eine relevante Information ist. Die vielen anderen Abschnitte, bei denen die Steigungen noch größer sind (bis 30 %), finden keine weitere Erwähnung im Buch. Der oben genannte Bahndamm z.B. ist zwar ein alter Bahndamm, den man super befahren kann. Parallel dazu wurde die neue Bahn gebaut, die jedoch die alten Tunnels nutzt, durch die man als Radfahrer natürlich nicht durchfahren kann. Etwa ein Dutzend Mal geht es hier mit 25 %-iger Steigung über die Berge. Es darf also bezweifelt werden, ob die beiden tatsächlich die gesamte Route abgefahren sind.

Man hat durch die Lektüre solcher Bücher eine gewisse Erwartungshaltung, die aufgrund der steilen Berge nicht erfüllt war. Wir mußten uns erstmal darauf einstellen, daß es anders ist als erwartet.

Fazit

Das war ja mal ein wirklich abenteuerlicher Urlaub.
Für selbstfahrende Kinder ist die Strecke in Norwegen wegen der starken Steigungen (und vor allem wegen der starken Gefällestrecken auf Schotterpisten) und der rasanten Fahrweise der Norweger nicht geeignet. Wir empfehlen, erst Kinder ab acht bis zehn Jahren selbst fahren zu lassen, das hängt natürlich vom fahrerischen Können des Kindes ab.
Ungeeignet ist die Strecke auch für Familien, die einen Kinderanhänger mitnehmen müssen, das würde eine unglaubliche Plackerei bedeuten, den Hänger über die Berge zu zerren, wenn es mal nicht unmöglich ist.

Alle anderen Unerschrockenen werden mit der abwechslungsreichsten Radreise belohnt. Von Fahrten durch die Dünen entlang kilometerlanger weißer Sandstrände über alpine Bergetappen, steinige Geröllpisten, trostlose Moor- und Sumpflandschaften, landwirtschaftlich intensiv genutzte Landstriche und menschenleere fjellartige Hochgebirge ist alles dabei. Schaut euch einfach auf den folgenden Seiten unsere Bilder an.

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